Brugge im Alleingang

Inspiration: «Otto» von Woodkid (jetzt anhören)


Alleinreisen heisst für mich Angstkonfrontation. Angst ist per se nichts Schlechtes. Schlecht wird sie erst, wenn man sich bei der Bewältigung auf den falschen Weg begibt.

Die Angst hat bei mir dazu geführt, während der Reise Tagebuch zu führen. Wie das? Das Szenario, allein im Restaurant zu sitzen und nichts zu tun, war ausschlaggebend gewesen. Hervorgebracht hat es nebst interessanten Gedanken, was Reisen für mich überhaupt ist, auch ein paar Kugelschreiberzeichnungen. Es ist nie zu spät, mit irgendwas anzufangen - ausser Kinderkriegen vielleicht…

Die Angst hat auch dazu geführt, dass ich während der Reise sehr oft und sehr viele Fotos gemacht habe. Gut, oder? Was sollte ich sonst machen? Neue Leute treffen? Die Angst sagte mir, dass ich dafür ja nicht nach Brugge gehen muss. Das kann ich auch zu Hause. Puh, Glück gehabt!

Die Reise war fantastisch. Ich kann Brugge jedem ans Herz legen, der Städte und leckeres Essen mag. Brugge ist unaufgeregt ästhetisch. Äusserlich verführen die überwiegend roten Fassaden ohne zusätzliche Dekoration und Blumenarrangements. Ein voyeristischer Blick durch die Gardinen der Parterrewohnungen im Stadtkern verrät eine spartanische Einrichtung, was zu den Fahrrädern passt, die fast alle mit Satteltaschen versehen sind. Rucksäcke sieht man praktisch keine.

Wo Neues mit Altem zusammenkommt, schaue ich meistens zehnmal. Brugge enttäuschte mich da nur beim Bahnhofsgebäude, ansonsten bietet es architektonisch ungemein viel. Die Stadt wird fast vollständig von Wasser umgeben, das Ufer ist geziert von Toren und Türmen. Die meisten Brücken sind hebbar, doch «heben» ist anscheinend Interpretationssache, denn die Brückenkonstruktionen könnten unterschiedlicher nicht sein. Ein Wermutstropen waren die reihenweise parkierten Autos, die jeweils einseitig die Nebenstrassen säumten und das Stassenbild zerstörten. In den neuen Quartieren wurde dies elegant durch ganzflächige, unterirdische Parkhäuser gelöst, was oben Platz für neue Raumkonzepte schuf. Statt Strassen entstanden Wege, statt Parkplätze und Trottoir gab es Sitzecken und Gärten.