Japan 2018

Zwei Wochen lang war ich in Japan. Ich besuchte Simon, einen Freund, der gerade ein Auslandssemester in Tokyo beendet hatte. Zusammen schauten wir uns die drei Städte Osaka, Hiroshima und Kyoto an.

Zwei Wochen sind sehr kurz. Zu kurz, um einen transasiatischen Flug zu rechtfertigen. Zu kurz, um einen tieferen Einblick in ein weit entferntes Land und dessen mir fremde Kultur zu erhalten und diesen Einblick sinnvoll zu werten. Zu kurz, um sich in den Vororten umzusehen und dieses Bild in Relation mit den Zentren der Millionenstädte zu setzen.

Aber zwei Wochen waren überraschenderweise lang genug, um mir der Reisefotografie einigermassen bewusst zu werden und zu merken, dass es bei mir so nicht mehr weitergehen kann.

Zurück zum Anfang: Für meine Verhältnisse eher spontan entschied ich mich im späten Frühling, Simon im Sommer in Japan zu besuchen. In meinem fotografischen Eifer besorgte ich mir vor der Abreise noch die neusten Versionen meiner Lieblingsbrennweiten, damit ich meinen Trip optimal gerüstet mit Kamera und einem 35mm sowie einem 85mm Objektiv antreten konnte.

Einen Rucksack fürs Gepäck und eine Umhängetasche für die Fotoausrüstung, so stieg ich in den Flieger.

Die ersten Tage liefen ganz okay. Wir begannen mit der 2-Millionen-Stadt Osaka. Die Stadt ist bekannt für ihr Nachtleben, im wortwörtlichen Sinne. Diese scheint sich nach Sonnenuntergang in einen lebenden Organismus zu verwandeln. Die Neonlichter, die sich in den nassen Strassen ins Unendliche verlieren. Die Menschen, die durch ihre Vielzahl eher zur Stadt zu gehören scheinen als die Stadt zu ihnen. Die engen Nebenstrassen, die beim Betreten in alle Richtungen expandieren, als würde man Kapillaren unter dem Mikroskop vergrössern.

Diese Ästhetik zu sehen und einzufangen war alles andere als schwierig. In touristischer Manier schaute ich mich um und fotografierte, was mich faszinierte.

 
 

Unsere nächste Station war Hiroshima, das Ziel der ersten von zwei amerikanischen Atombomben im Jahr 1945. Mein Anspruch an die Stadt war dadurch ein anderer als bei Osaka. Mich interessierte die Integration dieses Ereignisses in das heutige Stadtbild. Ernüchternd musste ich feststellen, dass die Japaner die Auseinandersetzung mit der Thematik auf eine Insel zwischen zwei Flussarmen zentralisiert haben, dem sogenannten «Peace Memorial Park».

An dieser Stelle möchte ich das Zitat von Simon einfügen, der das Gefühl treffend in Worten beschrieben hat:

Führt eine solche Reise […] dann auch noch über Hiroshima, so wird man auf einmal auch noch gewahr, welche Gewalt in einem so überaus friedlich erscheinenden Land unter der Oberfläche schlummert und man sieht sich mit einer Geschichte konfrontiert, die nebst ihres grausamen Inhalts auch mit der Einseitigkeit ihrer Darstellung zu schockieren vermag, was sich so sicherlich nicht alleine auf Hiroshima begrenzt, aber über ganz Japan einen sanften Schleier der Verdrängung zu werfen vermag, den man am liebsten als die letzte Wahrheit akzeptieren würde.

(Hier klicken, um Simons ganzen Text zu lesen)

Da hatte ich irgendwie etwas anderes - oder mehr - erwartet.

Und dann war es plötzlich da: Ein komisches Gefühl in mir. Dass ich doch nicht einfach mit solchen Ansprüchen in ein Land kommen kann, um unbeschwert meinem fotografischen Fetischismus zu frönen. Dass auch der Vergleich mit der Stadt Berlin vollkommen deplaziert ist, da eine solche Traumaverarbeitung keinesgleichen suchen kann und darf. Dass ich nicht einfach wie in Osaka herumlaufen und links und rechts blickend auf den Auslöser drücken kann, in der Meinung, die Fotos seien etwas wert.

Wie viele Gedanken schob ich diese etwas beiseite, schliesslich war es auch extrem heiss. Nie zuvor hatte ich eine solche Hitze erlebt. Wir fuhren mit dem Fahrrad Richtung Meer und die Gegend wurde zunehmend heruntergekommener. Per Zufall fanden wir einen kleinen Friedhof, der trotz der Menge an Gräbern immer noch geordnet wirkte. Auf der Weiterfahrt trafen wir mehrere Autos an, die mit laufendem Motor am Strassenrand parkten und in denen sich jeweils eine Person befand. Dies Mitten im dichten Wald. Vermutlich, um ein Mittagsschläfchen abzuhalten oder einfach die japanische Art, während einer Pause in die Natur zu gehen.

 
 

Der Shinkansen brachte uns anschliessend nach Kyoto. Der Hof des Kaisers hatte hier seinen Sitz während über 1’000 Jahren. Mit einem Gemisch aus Japan-Guide und Internetforen suchten wir uns jeweils am Vorabend die Sehenswürdigkeiten heraus, die wir uns am Tag darauf ansehen wollten. Das Problem war, dass scheinbar alle anderen Touristen dieselbe Idee hatten. Beim Besuch des Fushimi Inari-taisha (orange-schwarze Torii) fühlte ich mich extrem unwohl, weil es einfach so viele Menschen hatte. Man wurde Teil einer bergaufwärtsströmenden Masse und ich fragte mich Meter für Meter, was ich hier eigentlich mache. In meiner Verzweiflung knipste ich noch blind die Bilder, derentwegen wir eigentlich dorthingegangen sind, doch merkte ich bei jedem Auslösen, wie paradox das Ganze doch ist. Auf den noch geplanten Besuch im Bambuswald verzichteten wir.

Am nächsten Tag suchten wir im Internet eine Weile nach Geheimtipps. Über Blogs jenseits der ersten Seite von Suchresultaten und Bewertungen suchten wir uns zwei Tempel heraus und waren hin und weg. Kaum Touristen, deswegen weniger Abschrankungen und mehr zum Betrachten.

 
 

Mitgenommen habe ich Folgendes:

  • Eine Photo-Bucketlist wird es bei mir nicht länger geben. Wenn mir beim Betrachten der abgehakten Bilder als erstes die Torturen wöhrend der Entstehungszeit in den Sinn kommen, dann läuft etwas gehörig schief.

  • Mein Fotografieren während den Ferien soll unbeschwert, aber nicht unüberlegt sein. Diese Brücke sah ich in Japan einstürzen und deren Aufbau wird mich wohl die nächsten Jahre beschäftigen.