Luzern retour

Die Bewerbungstermine für die Kunsthochschule rücken langsam näher. Obwohl es immer noch sechs Monate dauert, merke ich, wie die innerliche Anspannung langsam zunimmt. Die Fragen nach dem Verhältnis der Ausbildungsplätze und der effektiven Anzahl an Bewerbungen beantworte ich immer mit einem Schulterzucken. Ich wollte es nie wissen. Und eigentlich ist es egal. Entweder komme ich rein oder nicht. Und für dieses Ergebnis bin ich ausschliesslich selbst verantwortlich, Prozentzahlen tun da nichts zur Sache.

Ein schreiendes Baby während der Zugfahrt nach Luzern hilft in diesem Diskurs herzlich wenig. Ganz im Gegensatz zum blutigen Finger, den ich mir beim Versuch, meine Fototasche vor dem KKL (Kultur- & Kongresszentrum Luzern) zu öffnen, bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr zuziehe. Während den zehn Minuten, in denen ich die Blutung stoppe, mache ich mir gezwungenermassen Gedanken zum Gebäude, ohne dabei voreilig zur Kamera greifen zu können.

Ich sehe die Reflektion der vorbeifahrenden Schiffe in den Fenstern; die von essenden Touristen besetzten Bänklein mit Aussicht auf den nebelverhangenen See; die beiden Grüppchen Jugendlicher, deren unterschiedlicher Musikgeschmack doch irgendwie harmoniert. Alles Bilder, die ich so nicht machen könnte, jedenfalls nicht so, dass sie mir gefallen würden. Nach zehn Minuten mache ich dieses Foto:

 

 

Ich laufe Richtung Süden, ein Teil der Stadt, wo ich bisher noch nie war. Ich sehe die Parkplätze der Reisecars, welche die Touristen nach Luzern bringen. Es gibt ein paar einzelne Touristen hier, doch sie wirken verloren. Ich gehe weiter dem See entlang und setze mich schliesslich in einen kleinen Park direkt neben dem See. Mein Fokus liegt auf den Herren, die auf dem sandigen Boden Pétanque spielen (und nicht Boccia, wie ich später lerne). Mir drängt sich der Vergleich mit dem Gamen auf. Leute mit einem gemeinsamen Interesse treffen sich zum abendllichen Spielen, loben sich gegenseitig bei gelungenen Aktionen und freuen sich über die Gesellschaft. Nach jedem Spiel gilt es, die harte Entscheidung zu treffen, für den jeweiligen Abend den Schlussstrich zu ziehen statt noch für ein weiteres Spiel zu bleiben.

Ich nehme meinen Mut zusammen und gehe hin, frage, ob sie einverstanden sind, dass ich sie und Ihr Spiel fotografiere und die Bilder zusammen mit ein paar Worten auf meiner Seite veröffentliche. Sie sagen ja. Ein neues Spiel steht an, zu den Herren hat sich inzwischen auch eine Frau gesellt. Zu viert, zwei gegen zwei, werfen sie die Metallkugeln über den Platz und sind dabei enorm präzise. Einige schonen ihren Rücken, indem sie die Kugeln mit einem Band, an dessen Ende ein Magnet befestigt ist, aus dem Sand fischen. Genial!

 
 
 
 
 

Oben mag es vielleicht nicht so erscheinen, aber wenn ich schreibe, dass ich meinen Mut zusammennehmen musste, dann ist das immer ein längerer Prozess. Ich bin wohl länger als 15 Minuten auf der Bank gesessen und habe mit mir gehadert. Herausgekommen ist es wie so oft besser als erwartet. Hier möchte ich gerne auf den Artikel verweisen, den Christoph Böcken vor drei Jahren geschrieben hat und ich leider erst vor ein paar Tagen gelesen habe, nach meiner Aktion im Park. Sowas kann eigentlich nur bereichern, und ich habe mir fest vorgenommen, des Öfteren – unter weniger Hadern – zu fragen.